Stephen Graham Jones

Vater, Sohn, Heiliger Hase

Am dritten Tag aßen sie Schnee. Jahre später, während eines Vorstellungsgesprächs, prasselt die Erinnerung auf den Jungen ein: Der Vater, der Baumsamen oder Kiefernnadeln in seine Hand spuckte. Was immer im Schnee gelegen hatte. Der Junge betrachtete die braunen Tupfer in der Handfläche des Vaters, blickte hinauf zum Vater, der schließlich nickte, sie zurück in seinen Mund stopfte und sich abwendete, um sie herunterzuschlucken.

Anstatt zu schlafen, verpassten sie sich gegenseitig Ohrfeigen, um wach zu bleiben. Weiterlesen »

Ross E. Lockhart

Ghoul Girl

Ich verstehe nichts von Kunst, aber ich weiß, was mir gefällt. Die Werke von Pick gefielen mir überhaupt nicht. Ich rede nicht von seiner täglichen Arbeit als Fotograf — der Mann schoss Bilder von Suppendosen und nackten Mädchen so gut wie jeder andere Profi in New York. Ich rede von seiner digitalen »schönen« Kunst ... und dem Ghoul Girl. Zu ihr komme ich noch.

Picks Arbeiten rollten mir die Fußnägel hoch. Dabei mag ich Horror eigentlich sehr. Aber die Fans von den wirklich harten Sachen fuhren darauf ab, also kaufte ich sie und benutze sie für die Cover. Weiterlesen »

Anonymous-9

M-N-S (n) Mord-Nekrophilie-Suizid

Es war Pfusch, eine Blamage für die Abteilung und für mich als ihr Leiter. Die Sache klebte an mir wie Gestank und keine Seife war stark genug, um ihn abzuwaschen. Natürlich musste ich meinen Posten räumen. Ich wurde von der Chefetage verbannt. Das Einzige, was mir blieb, war meine Existenz. Und die hätte ich ebenfalls gerne verloren. Weiterlesen »

Joe Clifford

Revolution macht Diebe

Die Occupy-Bewegung gab mir meinen Glauben zurück. Dabei gab ich einen Scheiß auf Revolution und hielt soziale Gerechtigkeit für ein Hirngespinst. Solange ich denken konnte, war die Welt ein abgefuckter Ort, und nur weil ein Haufen privilegierter College-Punks sauer war, dass Mama und Papa nicht länger ihr Schulgeld bezahlten, würde niemand die Geschichtsbücher umschreiben oder die einzig wahre Motivation des Menschen seit Anbeginn der Zeitrechnung neu programmieren. Uns treibt nur eine Sache an: Profit. Und ich würde mir todsicher keine Gelegenheit entgehen lassen, selber welchen zu machen. Weiterlesen »

Court Merrigan

Die Wolkenfabrik

Jimmy hatte nur einen Seesack dabei. Er zurrte ihn auf der Ladefläche meines klapprigen Chevys fest.

»Meine letzte Fahrt«, sagte er, als er ins Fahrerhaus kletterte. »Nach Hause fährst du alleine, Gary.«

»Es ist dir also wirklich ernst«, sagte ich.

»So ernst wie ein Hausbrand. Bring mich zum Busbahnhof.« Weiterlesen »

Graham Wynd

Nenn mich nicht Liebling

Luke brach gerade Finger für den Boss, als der Anruf kam. Ich schaute ihm dabei zu, denn das war sein Job. Mein Job war es zu reden und geredet hatten wir genug.

»Ich besorge das Geld!«, schrie Mr. Irving.

»Wann?«

»Donnerstag!« Weiterlesen »

Shaun Meeks

Hautnah

Es wurde kalt. Wenigstens kam es ihr so vor. Ihr Körper schwang hin und her. Der Brechreiz kam und ging in Wellen. Tina wollte sich nicht übergeben, nicht auch noch das letzte Bisschen hervor würgen. Sie fürchtete sich davor auszutrocknen. Sie fürchtete sich auch vor dem Rest. Ihre Übelkeit resultierte aus mancherlei Gründen. Und es half kein bisschen, dass sie ihre Augen geschlossen hielt. Und dennoch wollte sie sie nicht öffnen und der Wahrheit ins Gesicht schauen.

Die Wahrheit war, dass sie sterben würde. Weiterlesen »

Paul D. Brazill

Das Beste zum Schluss

Die tintenschwarze Nacht zerschmolz zu einem schmuddelig grauen Herbstmorgen. Zwei hungrige Seemöwen segelten durch den granitfarbenen Himmel und landeten auf der rostigen Reling, die die nasse Promenade säumte. Einen Moment lang starrten sie Quigley an, bevor sie wieder abhoben und sich auf den Rorschachtest aus Blut und Schleim stürzten, der auf die Statue von Colonel William Wainright geklatscht war, als Quigley den Schädel von Butler weggepustet hatte. Weiterlesen »

C.V. Hunt

Kein Platz für ein Kind

»Ich fasse es nicht, dass ich mich habe überreden lassen«, sagte Eve. Sie schob den Beifahrersitz nach hinten, lehnte sich zurück und rieb sich über ihren kugelrunden Bauch.

Ich blickte wieder auf das Navigationsgerät und schaute auf die Uhr. Wir hatten Salem bereits vor zwanzig Minuten passiert. Unsere Abfahrt würde bald kommen. Ich warf einen Blick in den Rückspiegel um sicherzustellen, dass der Möbeltransporter noch hinter uns war. Weiterlesen »

Jeremy Robert Johnson

Susurrus

Ihr Leben, sagt er, sei das beste überhaupt. Ich solle mir vorstellen, sagt er, wie es sei, in die plüschigste Limousine zu kriechen, die ich mir denken kann, oder wie es sei, in einen tiefen, weichen Ledersessel zu plumpsen, der mit dem Flaum von Riesengänsen befüllt ist, oder wie es sei, die innere Wettermaschine auf »Ausgezeichnet« zu stellen und eine sich ständig wechselnde Kulisse und eine pausenlose Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit zu haben. Weiterlesen »

Simon Kewin

Tag der Erinnerung

Magnus behielt die Marsianer im Auge. Fünf von ihnen saßen in der Ecke der Bar und lachten lauthals. Sie bedeuteten Ärger. Hooligan-Touristen aus den äquatorialen Städten wie Wells oder Bradbury. Nach ein paar hemmungslosen Tagen im rechtsfreien Ring fuhren sie wieder nach Hause und erzählten jedem, wie »Crazy!« es gewesen sei. Es war immer dasselbe. Die Leute, die tatsächlich auf Möbius lebten, machten selten Stress. Weiterlesen »

Matthew Hockey

Der Kanarienvogel

Booster wischte den Dunst von seiner Atemschutzmaske und drückte sein Gesicht an den Briefschlitz in der Tür von 222 Foxglove Avenue.

Sogar durch die Maske schmeckte die Luft nach faulem Fisch. Im Wohnzimmer war es dunkel. An den Fenstern klebte schwarze Luftpolsterfolie, die Vorhänge waren zugezogen. Er musste warten, bis im Fernseher eine hell erleuchtete Gameshow begann, bevor er mehr erkennen konnte. Weiterlesen »

Kurt Newton

Besuche bei Mutter

Jedes Mal, wenn ich meine Mutter besuchte, gab sie mir Sachen.

Zuerst den Toaster. Das Brot wird viel zu trocken und zu hart zum Kauen.

Dann irgendwelchen Krimskrams. Ich mag den Krempel nicht mehr sehen.

Ich dachte, Mom wäre einfach nur pragmatisch. Genauso wie ich. Deshalb nahm ich ihre »Geschenke« auch immer an, denn ich wusste, dass sie durchaus zu gebrauchen waren, um im Pfandhaus eine schnelle Mark zu machen. Weiterlesen »

Livia Llewellyn

Allochthon

North Bonneville, 1934.

Ruth sitzt in der Küche des firmeneigenen Hauses und blättert langsam in den Seiten ihres Sammelalbums. Die Uhr im Bücherregal schlägt zehn. Im Zimmer nebenan, dem einzigen anderen Zimmer, hört sie ihren Ehemann, der sich zurechtmacht. Sonntags lässt er es gemächlich angehen, denn das hat er sich verdient. Irgendwas wegen der Arbeit, sagt er hinter der Tür. Irgendwas wegen der Männer. Ruth hört ihm nicht zu. Sie starrt auf den Zeitungsausschnitt, der in ihrem Album klebt. Er zeigt das Foto einer Dame aus der feinen Ostküstengesellschaft, im Urlaub, irgendwo im tropischen Süden: eine hübsche junge Frau in einem makellosen weißen Leinenkleid, fläzend auf einer Bank, die den mächtigen Stamm eines Palmbaums umschließt. Ein weicher, gepflegter Rasen umgibt die Frau und den Baum wie ein samtiges Meer. Weiterlesen »

Eryk Pruitt

Roadkill Blues

Chad sah den Toten zuerst. Er lag bäuchlings zwischen einem riesigen Kuhfladen und einem der Betonpfeiler unter der Brücke. Sein rechter Arm war komplett ausgestreckt; ein einzelner knochiger Finger ragte in die Höhe. Das Gesäusel von Schnaken schwirrte ekstatisch um die zertrümmerte rechte Wange unterhalb seines trüben Auges.

Chad klammerte sich an einen Pfeiler und würgte grimmige, trockene Laute in die stille Sommerluft. Oben raste gerade ein Sattelschlepper über die Brücke, sodass ich das Wehklagen seines Magens kaum hören konnte. Weiterlesen »

Adam Cesare

So schlecht

»Diese auch noch«, sage ich und lege eine weitere Kassette auf den Stapel. Der Typ auf dem Cover sieht aus wie Charles Bronson. Tatsächlich ist es eine Illustration, die Charles Bronson ähnelt. Aber gut getroffen ist er nicht. Und sein Name steht auch nicht auf der Hülle. Der Vertrieb hat aber sein Bestes getan: Das Wort »Death« steht ganz vorne im Titel.

Wahrscheinlich trägt die Hauptfigur in dem Streifen nicht einmal einen Schnauzbart. Wahrscheinlich habe ich den Film bereits unter einem anderen Titel gesehen. Vielleicht ist es irgendein Schrott, der aus Steuergründen in Kanada produziert wurde. Oder einer dieser schwer zu ertragenden und selbstverliebten Schinken, die ein paar Typen an ihren Wochenenden auf Video gebannt haben. Weiterlesen »

CS DeWildt

Der Stier

»Steh auf, Jakey.« Der Junge saß schon in seinem Bett. Er roch Eier. Sein Frühstück. Fünf um fünf, wie jeden Morgen, dazu drei Scheiben Toast ohne Butter. Die Eidotter starrten ihn an wie gelbe Augen. Er zerstach sie mit der Ecke des Brotes und sah zu, wie die zähe Flüssigkeit zerlief. Jake verschlang sie hungrig und voller Vorfreude. Er hatte keine Angst.

Dad brachte ihm ein großes Glas Wasser und ein kleines Glas Saft. Jake wischte den Rest des erkaltenden Dotters mit seinem Finger vom Teller und aß es. Weiterlesen »

Zané Sachs

Blauer Engel

Es gibt viele Wege, um auf einem Flughafen ums Leben zu kommen. Und ich rede nicht von Absturz oder Terroranschlägen.

Andere Wege.

Ich arbeite auf einem kleinen Airport in den Rocky Mountains. Schon seit etlichen Jahren. Und mir gefiel mein Job. Bis die neue Chefin auftauchte. Weiterlesen »

Jeff Carlson

Lange Augen

Das Schiff machte kehrt, um zu forschen, und Clara versuchte, es davon abzuhalten. Nicht, weil sie nicht neugierig gewesen wäre, sondern weil sie immer noch homo sapiens war, wenn es darauf ankam. Es machte ihr Angst, die Kontrolle zu verlieren. Aber die Männer und Frauen, die sie unterstützten, hatten auch in die besten Designer für künstliche Intelligenz investiert, und der Zentralcomputer würde seine Befehle nicht einfach über Bord werfen. Weiterlesen »

DJ Tyrer

Rot und schwarz

Wir gingen in das Gebäude, um das Übernatürliche zu suchen, Dan, Richard und ich. Richard wusste von dem Vorfall von jemandem aus dem Amt für sozialen Wohnungsbau: Eine Familie war aus ihrer Wohnung geflohen, nachdem es dort gespukt hatte. Das Amt hegte große Zweifel an der Geschichte, aber die Familie pochte auf ihre Menschenrechte, und so wagte es niemand Nein zu sagen, als sie eine neue Unterkunft verlangte, ganz gleich wie abstrus ihre Begründung dafür auch war. Dank unserer Kontaktperson erhielten wir entgegen aller Vorschriften Zugang zu der Wohnung. Weiterlesen »

Ed Kurtz

Der Hund will beißen

Ich steckte mir eine Pall Mall an, öffnete die nächste Dose Schlitz-Bier und trat aufs Gaspedal. Ich schaltete den Tempomaten aus. Wozu das Fahren dem Computer überlassen, wenn ich sowieso schon sternhagelvoll war?

Von Austin nach Little Rock sind's knappe fünfhundert Meilen. Ich hatte die Strecke schon ein paar Mal zuvor in ziemlich genau acht Stunden bewältigt. Doch so wie ich jetzt fuhr, würde ich es in sechs schaffen. Ich hatte es eilig, klar. Ich hetzte mitten in der Nacht durch die bewaldete Leere der Grenzregion zwischen Texas und Arkansas und hatte nicht die geringste Ahnung, ob mein kleines Mädchen noch lebte oder schon längst tot war. So oder so, ich würde den Mistkerl büßen lassen. Weiterlesen »

Adam Howe

Der Todesswagen des Plainfield-Schlächters

Gibbons nahm einen kräftigen Schluck aus dem Flachmann. Mit einer Hand am Steuer folgte er der Fahrzeugkarawane von Schaustellern, die über die Fernstraße zum nächsten Auftrittsort donnerte. Er verzog das Gesicht, als sich der Schnaps durch seinen Körper brannte. Im Rückspiegel sah er die Umrisse des Wagens, der unter einer Plane versteckt hinter seinem Truck hing. Weiterlesen »